Tratsch im Treppenhaus
Es gibt nur wenige Stücke für die Bretter, die die Welt bedeuten, die in besonderer Weise durch eine konkrete Umsetzung bekannt und berühmt wurden; dazu gehört auch die legendäre Inszenierung Hans Mahlers am Hamburger Ohnsorg-Theater in den 60er Jahren. Die Hauptrolle der Tratschtante Meta Boldt spielte Mahlers Ehefrau Heidi Kabel, und noch heute kennt man die unvergleichliche Volksschauspielerin, wie sie gemeinsam mit anderen Stars der damaligen Zeit – allen voran Henry Vahl als Steuerinspektor Brummer – das Publikum begeisterte. Der Fernsehsender N 3 beispielsweise erfreut sein Publikum an manchem Silvesterabend mit der Aufzeichnung des Stückes aus dem Jahr 1966.
Darf man deshalb den Schwank nicht mehr auf die Bühne bringen? Das wäre genauso falsch, wie wenn man, auch wenn man sich hier auf einer anderen Ebene bewegt, Goethes Faust nicht mehr zur Aufführungen bringen wollte, weil die Schatten Gründgens‘ und Quadfliegs zu lang wären.
Aber auch ein engagiertes Schultheater darf sich an den Schwank-Klassiker wagen; mit dem Ergebnis tritt nun die Theater-AG am Gymnasium Großburgwedel vor ihr Publikum.
Komödien speisen sich seit der Antike vornehmlich aus zwei Quellen: Die Entlarvung und der Spott über Charakterschwächen ist die eine, das Spiel mit falschen Identitäten, mit Verwechslung und Irrtum ist die andere.
Die zweite Quelle – Verwechslung, Täuschung, Entlarvung bzw. Aufklärung. Auch dieses Phänomen findet sich in Tratsch im Treppenhaus, ist Anlass für auch für die Tratschtiraden Boldts, die aber auch der Verwechslung auf den Leim geht, typischerweise auch dergestalt, dass der Zuschauer mehr weiß vom wahren Spiel als die Protagonistin.
Ein Stück Zeitgeschichte mag Tratsch im Treppenhaus auch widerspiegeln. Das zeigt natürlich vor allem die Handlung mit einem heutzutage nicht immer verständlichen oder vertrauten sozialen Kontext. Denn diese Handlung spielt um das Jahr 1960, und wir haben uns unter anderem im Bühnenbild, im Kostümdesign und der Zeichnung der Figuren bemüht, diesem Kolorit gerecht zu werden.
Ist auch der Hamburger Tratsch des Ohnsorg-Theaters unsterblich und unvergleichlich – der Burgwedeler Tratsch soll seinem Publikum gleichwohl nicht weniger Anlass geben zum schönsten Zweck aller Komödien: dem Lachen.
Wolfgang Grüne



