Der Raub der Sabinerinnen

Die Komödie der Brüder Schönthan ist betagt (mehr als 120 Jahre alt), und gleichwohl  so lustig und spritzig, dass sie immer noch bis heute auf den  Bühnen begeistert und mit ihren komischen Effekten und Ideen das Publikum erheitert. Und der Striese ist seit der Entstehung dieser Komödie eine Traumrolle für viele gewesen, speist sein Witz sich ja nicht nur aus dem von den Autoren ausdrücklich gewün-schten  sächsischen Dialekt, sondern auch als Charakter, der als Direktor eines umher-ziehenden Theaters nicht nur „Butter auf seine Bemme“ zu bekommen erpicht ist, sondern auch durchaus neben der Komik  Anrührendes zu sagen hat, so z. B. in dem berühmten Monolog über das Schmierentheater am Ende des zweiten Aktes, mit dem wir die Zuschauer dann zunächst einmal in die verdiente Pause entlassen.

Komödien – ganz gleich welcher Höhenlage, d. h. die der griechischen Autoren, der europäischen Klassiker als auch der eher boulevardesken Richtung – schöpfen ihre Komik im Wesentlichen aus drei Quellen, die einander oft (nicht immer) ergänzen und durchdringen.

Ein wesentliches Element ist das der Verwechslung. Personen werden verwechselt, Identitäten absichtlich oder versehentlich vertauscht, Handlungen verwirren die Protagonisten, wenn sie scheinbar widersprüchlich oder einfach vertauscht abzulaufen scheinen. Natürlich wirkt dieser Witz nur, wenn der Zuschauer mehr weiß als der verwirrte Held auf der Bühne, was bei den Verwechslungen im „Raub der Sabinerinnen“ natürlich auch der Fall ist.

Ein weiterer Quell des Lachens ist die Charakterkomik. Bei den Schönthans sicher nicht so konsequent wie z. B. bei Molière, dennoch aber köstlich und und auch mitunter uns den Spiegel vorhaltend. So etwa die Eitelkeit des Schulprofessors, dem es schmeichelt, sein Jugendwerk auf der Bühne zu sehen, oder die oft humorlose Art und Weise, wie seine Frau agiert, das Szepter zu schwingen versucht, nur um diese beiden zu nennen.

Und dann gibt es das Mittel der Situations-komik,  detailliert im Text ausgemalt. Das gilt für Kostümideen ebenso wie die Darstellung kleiner heimischer Scharmützel im Hause Gollwitz, die Kontraste zwischen ins-zenierter Theatralik und dem Abgleiten ins Alltäg-liche der Kommunikation oder der verbalen Rituale. 
Die eigentliche Handlung ist – das teilt das Stück der Schönthans mit vielen Komödien, auch der Hochliteratur – eher schlicht, überschaubar. Aber darum geht es auch weniger. Wichtig ist, und wir hoffen, unseren Zuschauern damit Vergnügen zu bereiten, das Kaleidoskop, der Blick in das Biotop dieses Lehrerhaushaltes zum Ende des vorletzten Jahrhunderts mit pfiffigen Haushälterinnen, sich streng gebenden Gattinnen, schlichten Schuldienern, findigen Schwiegersöhnen und den beiden Alten, dem Professor und dem zugereisten Thea-terdirektor; im Mittelpunkt steht ein Stück, von dem der Zuschauer nur ein paar Wortfetzen hört, das so ja auch gar nicht existiert, welches man in keiner Szene zu sehen bekommt, das aber gleichwohl aus den Spielplänen deutscher Theater nicht wegzudenken ist: „Der Raub der Sabinerinnen“.

Wolfgang Grüne