Theodor Fontanes „Frau Jenny Treibel“

Fontane – der große Figurengestalter

Theodor Fontane kennt man vor allem durch Romane wie „Effi Briest“, „Der Stechlin“ – um nur diese beiden berühmten Erzählwerke zu nennen, mit denen er – vor allem mit letzterem – zum Romancier europäischer Bedeutung und Qualität wurde. Die große Kunst seines Erzählens liegt unter anderem in der meisterhaften Zeichnung der Charaktere, der Wiedergabe geistvoller und kultivierter Konversation, der differenzierten Darstellung der Menschen, der in den meisten Fällen Sympathie, zumindest engagiertes Interesse eignet. Weniger die äußere Handlung steht im Mittelpunkt – selbst in Romanen mit hohem Ereignisanteil wie „Vor dem Sturm“ –, sondern die Widerspiegelung der historischen Ereignisse im Bewusstsein der Protagonisten, die er mit großem psychologischen Einfühlungs- und Darstellungsvermögen vor dem Auge seiner Leser entwirft.

Fontane lässt – trotz seines realistischen Erzählduktus – Antipathie, Kritik, aber auch Sympathie den Figuren seiner Werke gegenüber sehr oft deutlich werden: Spott und Hohn denen gegenüber, die dieser Affekt zu recht trifft; Verständnis und Wärme für die, die er einfühlsam, wenn auch oft leicht ironisch zu ihrem Recht kommen lässt. Seine Zuneigung aber lässt er denen zuteil werden, die einer solchen in besonderer Weise würdig sind. Für jeden der genannten Affekte lässt sich eine Vielzahl von Personen benennen: Effi gilt seine Liebe, Dusblav von Stechlin nicht minder, hinter dessen Zeichnung ohnehin Fontane selbst sichtbar wird, auch in seiner ironischen Brechung und dem Bestreben, hinter alles ein Fragezeichen zu setzen. 

Fontanes Alter Ego

Unschwer ist zu erkennen, dass er in Wilibald Schmidt sich ebenfalls ein eigenes Porträt geschaffen hat, dass aber auch Jennys Ehemann Treibel Züge des Autors trägt, in dieser Hinsicht fast ein Zwilling Schmidts, wenn auch, um es mit Fontanes eigenen Worten zu umreißen, der bourgeoisen Observanz. Kritisch-spöttisch nimmt sich seine Haltung gegenüber Treibels beiden Söhnen aus, die Zeichnung des Engländers Nelson weist milden Spott über nationale Klischees auf. Liebevoll und augenzwinkernd seine Altherrenrunde, die Gruppe der „Sieben Waisen Griechenlands“, von denen im Roman aber nie alle sieben gleichzeitig einmal versammelt sind. Aber kübelweise schüttet er seinen Hohn über die Titelfigur aus: Jenny Treibel.

Komik und Witz findet man natürlich in jedem Roman Theodor Fontanes, aber eine Komödie (in Romanform) ist vor allem „Frau Jenny Treibel“. Komödie – dieser Gattungsbegriff passt für dieses epische Werk in besonderer Weise, ist doch bereits die Struktur von „Frau Jenny Treibel“ eher dramatisch, die engen Grenzen zwischen den „Naturfomen der Dichtung“ (Goethe) sprengend, überspielend. Und so nimmt es nicht Wunder, dass der Roman wie wenig andere sich für eine Umsetzung auf der Bühne eignet.

Zwei Lebenskreise

Die eigentliche Handlung ist schnell erzählt, was an dieser Stelle aber – der Spannung zuliebe – unterbleiben soll. Im Zentrum stehen zwei Lebenskreise. Das gebildete, kultivierte Haus des Gymnasialprofessors Schmidt mit seiner Tochter Corinna und der patenten Haushälterin Schmolke – auch dies eine typische Fontane-Figur. Man lebt bescheiden, aber niveauvoll, hat gebildetete Kollegen (natürlich auch nicht ohne Skurrilitäten) zu Gast, pflegt das Gespräch, die Causerie, liebt Goethe, Aristoteles, aber auch die schwedische Nachtigall Jenny Lind (diese Parallele entspringt der „Willkür“ des Bearbeiters, den die Vornamensgleichheit ebenso dazu angeregt hat wie die Rolle, die die Lind indirekt im „Stechlin“ spielt). Und daneben das Haus Treibel: Geldadel, reüssierte Berliner Fabrikanten-Umwelt, in das die aufstiegsbewusste Kleinbürgerin Jenny Bürstenbinder hineingeheiratet hat.

In ihr vor allem entlarvt Fontane jene Geisteshaltung, die der Scheidung (von Rousseau oder später u. a. Marx präzise beschrieben) von Citoyen und Bourgeois sich verdankt. Politisch desinteressiert, natürlich auch – wenn es gewollt wäre, was für Jenny nicht zutrifft – politisch ohne rechten Einfluss, aber wirtschaftlich gut gestellt, prosperierend, Stütze und Teilhaber am wirtschaftlichen Aufschwung, vor allem nach der Reichsgründung von oben im Jahr 1871. Der politische Teilhabe heischende Citoyen verkümmert, der wirtschaftlich partizipierende Bourgeois blüht auf. Dazu braucht er natürlich (Marx würde vom Überbau sprechen) seine kulturelle Selbstausstattung. Kultur, vor allem Musik und Literatur, allerdings auf trivialem Niveau, gehört sozusagen dazu wie das Klavier im Wohnzimmer. Hatte für die junge Jenny Literatur vielleicht wirklich noch die Aufgabe des sich-Findens, auch in der Begegnung mit Wilibald, so degeneriert sie zur bloßen Staffage, zur Ausstattung eben, mit der man sich schmückt, weil es sich in einem bürgerlichen Hause, das man doch führen möchte, eben so gehört.

Fontane als kritisch distanzierter Chronist seiner Zeit

Gerät allerdings die subversive Qualität, die Kraft ihrer auch in Alternativen, ja in Spannung zum Bestehenden sich artikulierenden Stimme der Kunst in Konflikt mit den ökonomischen Interessen der Bourgeoisie, ist es mit der Literatur, der Musik, der Malerei vorbei. Stören sie den Geschäftsgang, haben sie verspielt. Darum schlägt die lyrikselige Sentimentalität Jennys oft so brüsk in kaltes Verfolgen wirtschaftlicher Interessen um, denen dann nicht nur die Kunst selbst, sondern auch Glücksansprüche der eigenen Kinder (Leopold) untergeordnet bzw. geopfert werden.

Fontane führt aber nicht eigentlich Krieg gegen die bourgeoise Jenny. Er wählt eine feinere Waffe, das Florett, nicht den Säbel. So geht seine Jenny nicht unter, aber sie steht am Ende da wie eine von Spott und Ironie zutiefst entlarvte Figur, nur dass sie davon als fast einzige der Hauptpersonen nichts bemerkt, sondern bleibt, wie sie ist, weshalb dann auch anderen, im besten Fontaneschen Sinne, das Schlusswort vorbehalten bleibt.

Die Dramatisierung des Romans

Fontanes „Frau Jenny Treibel“ ist ein relativ kurzer Roman, gemessen am Umfang anderer epischer Werke des Autors. Gleichwohl muss eine Dramatisierung, die rund zwei Stunden Spielzeit beansprucht, gewisse Ausschärfungen vornehmen, die eine Erzählung von knapp 175 Seiten nicht so braucht.

Die Vielzahl der Schauplätze wurde reduziert auf zwei (den beiden Lebenskreisen entsprechend: Villa Treibel und Wohnung Schmidt). Das hat gewisse Umstrukturierungen im Stoff zur Folge; so etwa findet die Landpartie des Romans in der Villa Treibel statt, mit entsprechenden inhaltlichen Veränderungen. Lang erzählte Dialoge mussten an dieser Stelle aufgespalten werden und werden nunmehr z. T. in einer Simultanszene präsentiert (unmittelbar vor der Pause). Der Polterabend findet aus inhaltlichen und aus pragmatisch-dramaturgischen Gründen nicht bei Schmidt, sondern bei Jenny statt usw.

Neben der Betonung auf dem Komödiantischen, die gewisse Herausarbeitung komischer Effekte nach sich ziehen sollte (so in der Zeichnung Nelsons z. B.), enthält die Dramatisierung etwa 10 bis 15 Prozent Textanteile, die nicht aus „Frau Jenny Treibel“ stammen, sondern z. T. aus anderen Romanen Fontanes (so z. B. der kritiktrunkene Künstler) bzw. neu hinzuerfunden wurden, so z. B. Jennys Bemerkungen über literarische Figuren und Zitate, die ihre Halbbildung einerseits und ihre dekorativen Zwecken dienenden literarischen Ambitionen andererseits verdeutlichen sollen. Gleichwohl erwartet den Zuschauer dieser neuen (Burgwedeler) Dramatisierung vor allem eines: Die Begegnung mit dem originären Fontane und seinen unsterblichen Figuren.

Wolfgang Grüne