Henrik Ibsens Peer Gynt

Der alte Peer Gynt, zurückgekehrt von seiner Odyssee in der Außenwelt sowohl als auch in seiner Innenwelt – der alte Peer erkennt – fast am Ende seines Weges angekommen - am Sinnbild der Zwiebel, die zu schälen er sich nicht ersparen will oder kann, dass die vielen Wege und Stationen seines Lebens, all die Wendungen und Wandlungen seines Ichs ihn am Ende nicht zum unverwechselbaren Kern seines Ich-Seins zu führen vermochten. Und just in dem Moment, als er ob dieser Erkenntnis  sich in Zynismus flüchten will, wird er mit dem musikalischen Liebesthema Solvejgs konfrontiert, in deren Nähe er sich vorwagt, am Ende entschlossen, sich ihr anzuvertrauen („ob auch der Weg noch so schwer!“).

Die Suche nach dem Kern des eigenen Ichs: Peer Gynt und seine Brüder

Die von Ibsen eindrucksvoll gestaltete Zwiebelszene greift ein schon topisches Bild der Literaturgeschichte auf: Nicht nur Hesse oder Dostoevskij variieren dieses Motiv der Suche nach dem Kern des eigenen Ichs; die Wandernden auf dem Weg zum Ich bzw. ihrem Platz in der Welt bevölkern zahlreiche Romane der Literatur, nicht nur, aber in besonderer Weise in der Tradition des deutschen Entwicklungsromans, dessen Wurzeln vielfältig sind. Hier finden wir Peer Gynts Brüder auf ihren verschlungenen Wegen zu sich selbst: Goethes Wilhelm Meister, Wielands Agathon, Tiecks Sternbald, Novalis’ Heinrich von Ofterdingen oder Eichendorffs Protagonisten etwa in „Ahnung und Gegenwart“. Letztgenannte Autoren verweisen schon auf die Nähe Gynts zum romantischen Ich, dessen Kampf sich weniger auf realen Schauplätzen abspielt als vielmehr in den Landschaften der eigenen Seele (wie sie z. B. Caspar David Friedrich in anschaulicher Weise illustriert hat). Ibens „Peer Gynt“ ist daneben auch beeinflusst durch den s. g. Schelmenroman (z. B. bei Grimmelshausen). Die besondere Variante dieses Sujets im Vergleich zum Entwicklungs- oder Bildungsroman ist, dass weniger ein ausbildungswilliges und aufstiegsorientiertes Individuum auf der Suche nach sich und seinem ehrenvollen Platz in der Gesellschaft im Zentrum steht, sondern seinen Weg durch Verstrickung und Abenteuer, Streiche, Verbrechen mit den Mitteln der Lüge, des Betruges u. ä. nimmt. Der Held dieser Stoffe sucht nicht die Mitte der Gesellschaft, sondern schlägt sich gleichsam durchs Leben, auf seinem Weg  oft die Umstände und Personen, die ihm begegnen, zu provozieren, zu demaskieren oder in Frage zu stellen. Darin liegt ein erhebliches satirisches Potential, das auch Ibsen in seinem Stück zu entfalten weiß.

Ibsens Stoff hat in dieser Schelmenfigur („Taugenichts“ nennt Eichendorff sie in seiner Novelle) einen seiner Schwerpunkte. Der junge Gynt, schon im ersten Satz des Stückes mit seinem ernstesten Gegenspieler (dem s. g. Knopfgießer, dessen Ziel es ist, alle Individualität zu annihilieren) konfrontiert („Peer Gynt – Du lügst“), flunkert seiner Mutter Åse die tolle Geschichte von seiner erfolgreichen Jagd vor, die diese nur mit Mühe durchschaut. Anlässlich einer Hochzeit raubt er die Braut, um sie, nachdem er sie sich mit Gewalt genommen hat, sogleich zu verstoßen. Schon der junge Gynt also begeht Delikte, die sich mit den Erziehungszielen, die seine Umwelt zu verfolgen vorgibt, nicht in Einklang bringen lassen.

Im Spannungsfeld der Liebe

Die ersten Episoden sind das Präludium eines der thematischen Hauptkomplexe des Stückes: Peer im Spannungsfeld zweier Frauengestalten und damit zweier Lebensorientierungen: Der Grüngekleideten – sie ist die Tochter des Bergkönigs, des Herrschers der Trollwelt- und Solvejgs. Steht erstere für das libidonöse Prinzip des rein Sexuellen, verkörpert letztere das Prinzip der umfassenden Liebe, der nicht nur biblisch bezeugte Tugenden eignen (Glaube, Hoffnung, Liebe), sondern die Kraft ihrer Fähigkeit zu verzeihen, um den irrenden Menschen wieder bei sich aufzunehmen. Hier bewegt Ibsen sich u. a. in der Tradition der deutschen Romantik, die den z. T. dämonischen und chaotischen Weg des Protagonisten zur Erlösung durch die wahre Liebe thematisiert (so z. B. in Eichendorffs „Das Marmorbild“). Nur so führt der Weg des Irrenden am Ende zum Frieden, den ihm keine diskursive Bezogenheit zur Welt und zum Mitmenschen, sondern nur die den eigentlichen Sinn des Lebens stiftende Liebe schenken kann. Die Ahnenreihe erlösender Frauengestalten in der europäischen Literatur ist nicht weniger eindrucksvoll als die der Brüder Wilhelm Meisters: Der Hinweis auf Beatrice (in Dantes „Göttlicher Komödie“), Sonja (in Dostoevskijs „Verbrechen und Strafe“), Natalie („Wilhelm Meister“) oder Bianca („Das Marmorbild“) mag hier genügen.

Peer Gynts Reise

Seinen Weg durch Innen- und Außenwelt tritt Peer in der wilden Welt Norwegens an, die Kulisse seiner ersten Lügentiraden, seiner Vergehen und Betrügereien wird. Typisch ist auch das Motiv des Verlustes der geliebten Person, der zu nähern er nach der Episode mit der Grüngekleideten nicht mehr wagt, obwohl Solvejg für ihn die Sicherheit des bürgerlichen Lebens aufzugeben bereit ist. Er verlässt sie – um sich auf seine jahrzehntelange Abenteuerreise zu begeben, während sie sich und ihm gelobt, auf ihn warten zu wollen, auch weil sie ahnt, dass am Ende sein Weg zu ihr zurückführen wird.
Peers Reise ist nicht nur eine Fahrt durch ferne Länder (z. B. Ägypten), sondern auch eine von Ibsen zwar sehr anspruchsvoll, aber auch vergnüglich angelegte Tour durch die europäische Geistesgeschichte. Zahlreich sind Motivverwandtschaften und Anspielungen. Dass Peer Gynt auch eine nordisch-romantisch gewendete Paraphrase des Faust-Stoffes ist, ist hinlänglich bekannt. Auch in der Zeichnung einzelner Charaktere und der Auseinandersetzung Gynts mit seinen Antagonisten schlägt die Nähe etwa zum Goethe’schen Mephisto (in Teilen des Textes des Trollkönigs oder des Knopfgießers) durch. Vor allem im vierten Akt, der Gynt in seinem mittleren Lebensabschnitt zeigt, finden sich viele Anspielungen an geistesgeschichtliche Komplexe – so z. B. in der Persiflierung der platonischen Philosophie in den hohl-wohltönenden Tiraden des von Eberkopf. Das Tischgespräch variiert daneben auch auf amüsante Weise Nationalklischees (Master Cotton, Monsieur Ballon). Bitterböse ist die Demaskierung des rücksichtslosen Geschäftssinns Gynts, in dem sich unschwer eine scharfe Kritik an den Praktiken von Merkantilismus und Kapitalismus des 19. Jahrhunderts erkennen lässt. Gynts Lebensschule macht ihn rau und hart, ja sogar zum Mörder, auch wenn diese persönliche Härte dann immer auch wieder mit Impulsen seines anderen Ich  konfrontiert wird. Dazu gehört die eindrucksvolle Szene, in der junge Gynt mit seiner Phantasiegeschichte von der Schlittenfahrt zum Himmel seiner Mutter den Weg in den Tod erleichtert.
 

„Den Sinn stiften die Liebenden“

Diese Szene ist schlechthin großartig von Ibsen gestaltet und zeigt die Tiefe  der Zuneigung des Sohnes zur Mutter („Hab’ Dank für Dein ganzes Leben/ Für all Deine sorgende Art“) und die humane und erlösende Macht der Liebe. Am Ende – so scheint es -  wartet jedoch die Abrechnung mit dem Gegenspieler, dem Knopfgießer, der ihn, der er ein wertloser, glanzloser Knopf geworden sei, wieder einschmelzen möchte. Vor Höllenstrafen, die ein Teufel verhängen könnte, fürchtet sich Peer nicht. Aber der dunkle Schatten der spurlosen Vernichtung löst in ihm einen existentiellen Schauder aus: „Doch dieses andre, - dies wie ein Stück Lehm / Zerknetet werden zu weiß Gott wem (…)“. Doch wenn der Satz „Die Kraft zu lieben ist Gottes größtes Geschenk an den Menschen“ auf eine Figur in Ibsens wundervollem Stück zutrifft, dann ist dies Solvejg. Denn auf der Seite derer, die ihn bergen und bewahren können, weiß Peer am Ende seines Weges nur diese Frau; sie ist inzwischen hochbetagt und erblindet – ähnlich der Figur des Vaters des verlorenen Sohnes im Evangelium nach Lukas, den Ibsen unübersehbar in seiner Regieanweisung zur Schluss-Szene zitiert – aber sie ist gleichwohl hellsichtiger und stärker als alle anderen, indem sie nicht aufrechnet, sondern einfach nur liebt und Peer Gynt erlöst.

Wolfgang Grüne